Offener Brief führender GrafikdesignerInnen fordert die Stiftung Buchkunst heraus

Meldung vom 28. September 2018

Anlässlich der bevorstehenden Präsentation »Deutschlands schönster Bücher 2018« auf der Frankfurter Buchmesse haben Grafikdesign-Professoren von verschiedenen deutschen Hochschulen einen offenen Brief veröffentlicht, in dem sie sich kritisch zur inhaltlichen Ausrichtung der Stiftung Buchkunst positionieren.

Hier der Wortlaut des offenen Briefes:
Wider „das schöne (deutsche) Buch“
Gestaltung ist immer politisch. Grafikdesign in der heutigen Zeit anders zu denken, wäre verantwortungslos, denn (Grafik)Design beeinflusst unseren hyper-medialisierten Alltag so stark wie kaum eine andere ästhetische Disziplin.

Angesichts kapitalistischer Vereinnahmung und zunehmender populistischer Verzerrung von Sprache und Kommunikation muss Grafikdesign im Allgemeinen und Buchgestaltung im Besonderen, ein Ort differenzierter ästhetischer Verhandlung sein: Sie ist integraler Bestandteil unserer Sprach- und Schreibkultur; hier werden gesellschaftliche Übersetzungen entwickelt und umgesetzt. Das Wechselspiel zwischen Verhandeln, Erproben und Anwenden beschreibt einen offenen Prozess, der mindestens so viel Experiment wie Pragmatismus erfordert. Buchgestaltung primär affirmativ und in kommerziellen Verwertungszusammenhängen zu denken, ist eine unzutreffende und unverantwortliche Verengung, denn kritische Ästhetik trägt weiter als jede Marketingstrategie. Es braucht darum ein Forum, das diesen zentralen Aspekt kritisch-ästhetischen Kulturschaffens fördert und vermittelt.

Die Stiftung Buchkunst will ein solcher Ort sein. Lässt man die Stiftungsarbeit der letzten Jahre allerdings Revue passieren, drängt sich der Eindruck auf, dass die Stiftung „das schöne Buch“ als marktgerechtes Erbauungsaccessoire mit Renditepotenzial missversteht und den nationalen wie internationalen Diskurs kritischer Buchästhetik systematisch ausblendet. Kurz gesagt: Die Stiftung Buchkunst agiert wie ein nationaler Interessenverband der Druck- und Verlagsindustrie, nicht aber wie eine Kultur fördernde und von Kulturförderung bedachte Institution, die virulente buchkünstlerische/buchgestalterische Diskurse spiegeln sollte.

Wir – die Unterzeichner*innen dieses offenen Briefes – plädieren deshalb für einen alternativen und transnationalen buchästhetischen Diskurs innerhalb und außerhalb der Stiftung Buchkunst, der die Bandbreite buchgestalterischer Reflexion und Innovation sowie das künstlerische Experiment spiegelt – egal ob dies am Markt, in Kulturinstitutionen oder an Hochschulen passiert.

Wir brauchen deshalb Jurys, die diese Kontexte nicht feindlich und hierarchisch voneinander abgrenzen, sondern herausragende Buchgestaltung aufspüren und zur Diskussion stellen. Sollte sich ein solcher Ansatz in der Stiftung Buchkunst nicht abbilden lassen, machen wir uns für eine alternative Institution buchkünstlerischen Diskurses stark, die Schulter an Schulter und auf Augenhöhe mit internationalen Jurys agiert.“

Initiatoren:

  • Ingo Offermanns, Professor für Grafik an der Hochschule für bildende Künste Hamburg
  • Markus Dreßen, Professor für Grafikdesign an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
  • Markus Weisbeck, Professor für Grafikdesign an der Bauhaus-Universität Weimar

UnterzeichnerInnen:

  • Fons Hickman, Professor für Grafikdesign / Kommunikationsdesign an Universität der Künste Berlin
  • Ulrike Stoltz, Professorin für Typografie an der Hochschule für bildende Künste Braunschweig
  • Roman Wilhelm, Vertretungsprofessor für Typografie an der Hochschule für bildende Künste Braunschweig
  • Tania Prill, Professorin für Typografie an der Hochschule für Künste Bremen/ Department Kunst und Design
  • Andrea Rauschenbusch, Professorin für Kommunikationsgestaltung, Corporate Design an der Hochschule für Künste Bremen / Department Kunst und Design
  • Ulrike Brückner, Professorin für Grundlagen der Gestaltung / Konzeption und Entwurf an der Fachhochschule Dortmund
  • Lars Harmsen, Professor für Konzeption und Entwurf/Typografie und Layout an der Fachhochschule Dortmund
  • Sabine an Huef, Professorin für Grafikdesign an der Fachhochschule Dortmund
  • Victor Malsy, Professor für Typografie an der Hochschule Düsseldorf
  • Sabine Golde, Professorin für Buchkunst an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle
  • Matthias Görlich, Professor für Kommunikationsdesign / Informationsdesign an der Burg
    Giebichenstein Kunsthochschule Halle
  • Andrea Tinnes, Professorin für Schrift und Typografie an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle
  • Heike Grebin, Professorin für Typografie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
  • Dorothee Weinlich, Professorin für Kommunikationsdesign, Typografie/Corporate Design an der Hochschule Hannover
  • Michael Kryenbühl, Vertretungsprofessor für Kommunikationsdesign / Gestaltung mit digitalen und vernetzten Medien an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe
  • Sereina Rothenberger, Professorin für Kommunikationsdesign an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe
  • Ivan Weiss, Vertretungsprofessor für Kommunikationsdesign / Gestaltung mit digitalen und vernetzten Medien an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe
  • Gabriele Franziska Götz, Professorin Visuelle Kommunikation / Redaktionelle Gestaltung an der Universität Kassel | Kunsthochschule
  • Ludovic Balland, Professor für Typografie und Editorial Design an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
  • Sascha Lobe, Professor für Typografie an der Hochschule für Gestaltung Offenbach
  • Uli Cluss, Professor für Kommunikationsdesign an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart
  • Gerwin Schmidt, Professor für Kommunikationsdesign an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart

 

 

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